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Was tun, wenn Antidepressiva nicht wirken?

8. Okt. 2025
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Sept.


Was tun, wenn Antidepressiva nicht wirken

„Ich habe schon alles versucht." Diesen Satz höre ich erstaunlich oft und meist gleich zu Beginn eines Erstgesprächs. Menschen, die drei, vier, manchmal sogar mehr verschiedene Antidepressiva ausprobiert haben, Psychotherapie dazu, teils über Jahre, oft auch homöopathische Mittel und einiges mehr. Manches hat vielleicht vorübergehend geholfen. Doch am Ende sind die Beschwerden immer noch da.

Wenn ich dann nachfrage, was genau „alles" bedeutet, wird aus dem Alles meistens ein Vieles. Und wenn wir noch genauer hinschauen, zeigt sich nicht selten: Es wurde zwar viel aber noch nicht das Richtige für diese Person versucht. Das ist ein wichtiger Unterschied. „Austherapiert" gibt es in dem Sinn nicht, den die meisten damit meinen – es bedeutet fast nie, dass keine Optionen mehr da sind. Es bedeutet, dass die passende noch nicht gefunden wurde.


Was tun, wenn Antidepressiva nicht wirken?

Wenn ein oder zwei Antidepressiva in ausreichender Dosis nicht ausreichend geholfen haben, sprechen Fachleute von einer therapieresistenten Depression. Das ist eine klinische Einordnung, kein Urteil über die Person – und sie betrifft mehr Menschen, als man denkt. Schätzungen gehen davon aus, dass sich bei etwa einem Drittel bis der Hälfte der Menschen, die auf ihre erste antidepressive Behandlung nicht ausreichend ansprechen, im weiteren Verlauf eine therapieresistente Depression entwickelt (Laux, 2008, Notfall & Hausarztmedizin).

Für mich heißt das in der Praxis vor allem eines: Bevor ich irgendetwas vorschlage, will ich verstehen, warum die bisherigen Versuche nicht gegriffen haben. Das ist etwas anderes, als einfach zur nächsten Option zu wechseln.


Warum „Sprechen Sie mit Ihrem Arzt" oft nicht reicht

Der Rat ist nicht falsch. Aber er geht oft ins Leere. Das liegt selten an mangelndem Engagement der behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Es liegt daran, dass ihnen an dieser Stelle oft die nächste Option fehlt, die über „Dosis erhöhen" oder „Präparat wechseln" hinausgeht.

Genau hier setzt eine andere Perspektive an: an der Stelle im Gehirn, wo die Symptome tatsächlich entstehen.


tDCS: Wie die Behandlung an einer anderen Stelle ansetzt als ein Medikament

Die transkranielle Gleichstromstimulation, kurz tDCS, setzt einen schwachen Strom gezielt an einem umschriebenen Bereich im Gehirn ein – im dorsolateralen präfrontalen Kortex, der direkt hinter der Stirn sitzt und emotionale Regulation, Motivation und Entscheidungsprozesse steuert. Diese Region zeigt bei Depression häufig ein Aktivitätsungleichgewicht. Der entscheidende Unterschied zu einem Medikament: tDCS wirkt lokal, nicht systemisch. Ein Antidepressivum wirkt dagegen im gesamten Körper – deshalb auch die bekannten Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder sexuelle Funktionsstörungen, die mit dem eigentlichen Zielort im Gehirn nichts zu tun haben.

Zur Sicherheit von tDCS gibt es inzwischen eine breite Datenbasis: Über 33.200 dokumentierte Stimulationssitzungen an mehr als 1.000 Personen zeigten laut der großen Sicherheitsübersicht von Bikson und Kolleg:innen (2016, Brain Stimulation) keinen einzigen Fall einer schwerwiegenden oder bleibenden Schädigung. Die typischen Nebenwirkungen sind mild und vorübergehend: ein Kribbeln oder Wärmegefühl unter den Elektroden, gelegentlich leichte Hautrötung oder kurzzeitige Müdigkeit.


Was die Studienlage zeigt

Mehrere Studien stützen den Nutzen von tDCS bei Depression – auch wenn der Blick darauf ehrlicherweise differenzierter ausfallen muss, als oft dargestellt. Eine große, aktuelle Fernstudie (Woodham et al., 2025, Nature Medicine) fand, dass nach zehn Wochen Behandlung mit tDCS rund die Hälfte der Teilnehmenden kaum oder keine depressiven Symptome mehr zeigte, gegenüber rund einem Viertel unter Scheinbehandlung. Eine erste große Studie von Brunoni und Kolleg:innen (2013, JAMA Psychiatry) fand eine mit einem Antidepressivum vergleichbare Wirksamkeit. Eine spätere Folgestudie derselben Arbeitsgruppe (2017, New England Journal of Medicine) konnte die Nichtunterlegenheit von tDCS gegenüber Escitalopram nicht bestätigen. Bei zwei Teilnehmenden trat unter tDCS eine Manie auf. Zur Einordnung gehört aber auch: Eine spätere, gezielt an Menschen mit bipolarer Depression durchgeführte randomisierte Studie (Sampaio-Junior et al., 2018, JAMA Psychiatry) fand unter aktivem tDCS keine erhöhte Rate an manischen oder hypomanen Episoden im Vergleich zur Scheinbehandlung. Für mich bedeutet das: Ein möglicher Wechsel in Richtung Manie oder Hypomanie gehört bei der Behandlung in den Blick, insbesondere wenn Hinweise auf eine bipolare Erkrankung bestehen. Die bisherige Studienlage spricht jedoch nicht dafür, aus einzelnen dokumentierten Fällen auf ein generell erhöhtes Risiko durch tDCS zu schließen.


Wie eine Behandlung abläuft

Am Anfang steht bei mir ein EEG-Assessment. Dabei schaue ich mir an, welche Aktivitätsmuster mit Ihren Symptomen zusammenhängen könnten. Diese Ergebnisse betrachte ich jedoch nie isoliert, sondern immer im Zusammenhang mit Ihrer persönlichen Situation, Ihren Beschwerden und Ihren Zielen. Daraus entwickeln wir gemeinsam einen Behandlungsplan, der Ihre eigenen Regulationsprozesse gezielt unterstützen soll.

Je nach Befund kombiniere ich tDCS gerne mit anderen wissenschaftlich fundierten Methoden wie beispielsweise Neurofeedback (eine Art Gehirntraining) und Biofeedback der Herzratenvariabilität (HRV). Die verschiedenen Verfahren setzen an unterschiedlichen Regulationsmechanismen an und können sich dadurch sinnvoll ergänzen. Ob parallel zu Ihrer bestehenden Medikation oder Psychotherapie oder eigenständig, entscheiden wir gemeinsam, je nachdem, was für Sie sinnvoll ist. Wie lange es dauert, bis sich etwas verändert, lässt sich pauschal kaum sagen. Intensiver angelegt, zeigen sich Effekte oft relativ schnell.


Hilft tDCS wirklich bei jedem?

Die Methode hilft nicht allen Menschen gleich gut – das gehört zur Ehrlichkeit dazu. In meiner Praxis musste ich bislang aber noch keine einzige Behandlung abbrechen.


Kann ich tDCS zusätzlich zu meiner Medikation nutzen?

Ja, das ist möglich. Weil tDCS direkt über schwache elektrische Impulse an einer Stelle im Gehirn wirkt und nicht in den Stoffwechsel eingreift, sind keine klassischen Wechselwirkungen mit Medikamenten zu erwarten. Ob eine Kombination für Sie sinnvoll ist oder tDCS eigenständig eingesetzt werden sollte, hängt von Ihrer individuellen Situation ab. Das klären wir gemeinsam am Anfang der Behandlung.


Ist tDCS sicher?

tDCS hat ein sehr gutes Sicherheitsprofil mit typischerweise nur milden und vorübergehenden Nebenwirkungen (siehe oben).


Zurück zu „ich habe schon alles versucht"

Vielleicht stimmt der Satz nicht ganz. Vielleicht war es vieles – nur eben noch nicht das Richtige.

Wenn Sie das Gefühl haben, an diesem Punkt zu stehen, lohnt sich ein Blick auf tDCS als Möglichkeit, die an einer anderen Stelle ansetzt. Was während der Sitzung konkret passiert, erfahren Sie auf der tDCS-Seite, mehr über den Ablauf der Behandlung, lesen Sie hier.

Um herauszufinden, ob dieser Ansatz zu Ihnen und Ihrer Situation passt, melden Sie sich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch. Gemeinsam schauen wir, wo Sie gerade stehen und welche nächsten Schritte für Sie sinnvoll sein können. Ich freue mich, von Ihnen zu hören.


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